Krebs und Trauma
»Sie haben Krebs.«
Eine Krebserkrankung ist für viele Menschen ein großer Einschnitt in ihr Leben und ein Schock. Plötzlich verändert sich so viel, und die Kontrolle entweicht einem.
Wenn bereits eine Traumafolgestörung vorliegt, kann dies die Situation und die Symptome noch einmal verstärken. Denn die gesamte Behandlung baut auf einem bereits traumatisierten Nervensystem auf.
Traumatisierte Menschen bringen ihre Erfahrungen mit in Praxisräume, Kliniken, Untersuchungszimmer und Besprechungsräume. Erfahrungen mit Grenzverletzungen, Ohnmacht, Ausgeliefertsein und dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.
Gerade medizinische Untersuchungen können deshalb etwas auslösen. Fremde Menschen berühren den Körper, man muss sich in verletzliche Positionen begeben. Türen werden geschlossen, Geräte machen Geräusche und sind eng. Es wird über den eigenen Körper gesprochen und entschieden. Manchmal muss alles schnell gehen, es herrscht Zeitdruck und oft bleibt keine Zeit, um zu verstehen, was eigentlich gerade um einen herum geschieht.
Hinzu kommt das Warten. Warten auf Befunde, warten auf Entscheidungen. Warten auf den nächsten Termin und warten auf die Antwort, wie es weitergeht.
Das ist schon für unbelastete Menschen schwierig.
Bei mir, so wie bei vielen anderen, kommt noch hinzu, dass ich viele Jahre nicht ernst genommen wurde. Symptome wurden als psychosomatisch abgetan. Mir wurde nicht geglaubt. Deshalb betrete ich eine Praxis oder Klinik nicht nur als Krebspatientin. Ich betrete sie auch mit der Erfahrung, dass mein Erleben infrage gestellt wurde.
Ein bestimmter Tonfall, fehlende Erklärungen oder das Gefühl, wieder nicht ernst genommen zu werden, können deshalb viel auslösen.
Traumasensible medizinische Versorgung bedeutet für mich nicht, dass jede Untersuchung angenehm sein muss oder alles vermieden werden kann. Aber die Art, wie etwas geschieht, macht einen großen Unterschied.
Es kann helfen, wenn Untersuchungen vorher erklärt werden, wenn Berührungen angekündigt werden. Wenn Fragen erlaubt sind, wenn Betroffene ernst genommen werden. Wenn ein Nein oder ein Stopp ernst genommen wird. Wenn Begleitpersonen willkommen sind. Und wenn Menschen nicht nur als Körper oder Diagnose behandelt werden.
Medizinische Untersuchungen und Behandlungen lassen sich nicht immer vermeiden, und sie sind wichtig. Aber sie können menschlich, verständlich und mit möglichst viel Selbstbestimmung geschehen.
Auch kleine Wahlmöglichkeiten können helfen: Möchte eine Person sitzen oder liegen? Soll eine Begleitperson im Raum bleiben? Welche Untersuchung erfolgt zuerst? Solche Entscheidungen können ein Stück Kontrolle zurückgeben.
Patient*innen sollten nicht erst ihre ganze Geschichte erzählen und erklären müssen, warum diese Situation gerade schwierig ist, damit ihre Grenzen ernst genommen werden.
Mit diesem Bereich möchte ich sichtbar machen, dass Krebs und Trauma nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Das Trauma sitzt bei Untersuchungen mit im Raum. Es wartet mit auf Befunde. Es hört die medizinischen Gespräche mit. Und es reagiert auf Dinge, die für andere vielleicht klein oder unbedeutend erscheinen.
Ich wünsche mir mehr Verständnis dafür, dass traumatisierte Patient*innen nicht zu empfindlich, schwierig oder unkooperativ sind. Oft versucht ihr Nervensystem lediglich, sie vor einer Gefahr zu schützen, die es aus früheren Erfahrungen kennt.
Traumasensible Medizin braucht keine Samthandschuhe und keine großen Konzepte.
Sie braucht Menschlichkeit und Verständnis. Manchmal reicht es schon, vor einer Berührung Bescheid zu sagen, Patient*innen einen kurzen Moment Zeit zu geben, sich zu regulieren und ihnen damit die Möglichkeit zu geben, zwischen früher und heute zu unterscheiden.