Trauma und Hilfesystem

Das ist ein Thema, das mir sehr wichtig geworden ist, weil ich viele unterschiedliche Erfahrungen gemacht habe.

Wie ich in meiner Vorstellung bereits beschrieben habe, lebe ich seit meinem sechsten Lebensjahr mal mehr, mal weniger im Hilfesystem. Die meiste Zeit davon war ich ein blinder Fleck. Ein Mensch, der in keine pädagogische oder therapeutische Handlungsschublade passte.

Ich wurde schlicht nicht gesehen.

Gut, ich war auch sehr angepasst und habe schon von klein auf gelernt, wie ich nicht auffallen darf und was ich tun muss, damit ich keine Aufmerksamkeit auf mich ziehe. Und dennoch gab es Anzeichen und Symptome, die eindeutig waren. Doch diese wurden von Mitarbeiter*innen des Hilfesystems schnell in Drohungen ertränkt.

Mir ist bewusst, wie komplex die Lebensgeschichten traumatisierter Kinder und Frauen sein können. Mir ist auch klar, dass vieles durchs Raster fällt und unter den schon damals herrschenden Bedingungen nicht aufgefangen werden konnte.

Darum geht es in meinem Buch aber nur am Rande.

Es geht um Menschlichkeit.

Und vor allem geht es darum, dass Kindern und Frauen, in diesem Fall mir, geglaubt werden sollte. Dass Symptome nicht weggedroht werden können. Dass eine Vertrauensbasis wichtig ist. Und dass Menschlichkeit nicht außerhalb professioneller Arbeit stehen muss, sondern ein Teil von ihr sein darf.

Vor allem geht es darum, dass viele betroffene Kinder und Frauen nicht nach Schema F handeln können.

Gewalt und sexualisierte Gewalt sind nicht weniger schlimm, nur weil sie von außen kaum sichtbar sind. Und es gibt Dinge, die jenseits der eigenen Werte und Vorstellungen liegen, die Menschen einander dennoch antun können.

Mein Buch mit dem Arbeitstitel »Wo Hilfe zur Krise wird und Menschlichkeit es heilt« ist mein ganz eigener Versuch, mit all dem umzugehen.

Es ist zugleich der Wunsch, heutigen Mitarbeiter*innen zu zeigen, wie komplex die Welt traumatisierter Kinder und Frauen sein kann. Dass es oft nicht darum geht, die eine richtige Methode zu finden, sondern einen gemeinsamen Weg.

Und dass dieser Weg manchmal bedeutet:

Wir halten es zusammen aus.

Vor allem möchte ich eines deutlich machen:

Trauma ist nicht ansteckend. Es ist nicht übertragbar in dem Sinne, dass das, was mir passiert ist, nun auch Ihnen passiert.

Dieses Buch ist keine Anklage gegen einzelne Personen und schon gar keine Abrechnung.

Es ist ein wertschätzender Versuch, gemeinsam hinzusehen, ins Gespräch zu kommen und vor allem auszuhalten.

Worum es mir geht

  • mehr echtes Hinsehen
  • mehr Glauben und Ernstnehmen
  • weniger vorschnelle Zuschreibungen
  • mehr Verständnis dafür, was schwer traumatisierte Menschen brauchen
  • mehr Menschlichkeit in der Begegnung zwischen Betroffenen und Helfer*innen
Hinsehen. Aushalten. Verstehen.
Begegnung beginnt dort, wo wir nicht wegschauen. Wo wir bleiben, auch wenn es schwer ist.